Ein Champagner für den Zaren
Zar Alexander II. wollte jedes Jahr die beste Cuvée von Louis Roederer für sich haben. 1876 ließ das Haus sie deshalb in eine eigene Flasche füllen: durchsichtiges Bleikristall mit flachem Boden, unverwechselbar unter allen anderen Cuvées des Hauses. Das Material gab dem Wein seinen Namen. So schildert es Louis Roederer auf der eigenen Cristal-Seite.
Geblieben ist das helle Glas. Geblieben ist auch die Regel, dass Cristal nur in Jahren entsteht, in denen Pinot Noir und Chardonnay voll ausreifen. Einen Cristal ohne Jahrgang gibt es nicht.
Das hat Folgen für jeden, der eine Flasche aufhebt: Durchsichtiges Glas hält kein Licht ab. Das Comité Champagne rät ohnehin für jeden Champagner zu einem dunklen, geruchlosen Platz bei konstant 10 bis 15 °C und 60 bis 80 Prozent Luftfeuchtigkeit (Comité Champagne, Etiketten lesen und lagern). Bei Cristal gilt das doppelt, denn das Haus traut ihm mehr als zwanzig Jahre zu. Worauf es beim Lagern zu Hause ankommt, auch bei Schaumwein, steht ausführlich unter https://weinflasche.at/wissen/lagern/.
Woher die Trauben kommen
Cristal stammt aus den eigenen Weinbergen von Louis Roederer. Die Datenblätter teilen die Herkunft in drei gleich große Teile: ein Drittel aus der Lagengruppe „la Montagne“ an der Montagne de Reims, ein Drittel aus „la Rivière“ im Marne-Tal und ein Drittel aus „la Côte“ an der Côte des Blancs.
Als Hauptcrus nennen die Datenblätter seit dem Jahrgang 2014 dieselben sieben Gemeinden:
- Verzenay, Verzy und Beaumont-sur-Vesle an der Montagne de Reims
- Aÿ im Marne-Tal
- Avize, Cramant und Le Mesnil-sur-Oger an der Côte des Blancs
Wie streng ausgewählt wird, zeigt die Zahl der Parzellen. Für den Jahrgang 2016 kamen 32 Parzellen in die Cuvée. Für 2018 waren es 57: die 45 Stammparzellen mit Reben über 25 Jahre, ausnahmsweise dazu vier Parzellen, die sonst für den Blanc de Blancs reserviert sind, und acht Parzellen mit 20 bis 25 Jahre alten Reben. Das Datenblatt zum Cristal 2018 weist außerdem 100 Prozent biologischen Weinbau aus.
Sieben Jahrgänge im Vergleich
Roederer veröffentlicht zu jedem neueren Cristal ein technisches Datenblatt. Nebeneinandergelegt zeigen sie, wie wenig sich das Rezept ändert und wo der Kellermeister doch eingreift.
| Jahrgang | Pinot Noir / Chardonnay | im Holz vinifiziert | Malolaktik | Dosage | Lese |
|---|---|---|---|---|---|
| 2008 | 60 / 40 % | 20 % | 20 % des Weins | 8 g/l | keine Angabe |
| 2009 | 60 / 40 % | 16 % | keine | 8 g/l | keine Angabe |
| 2012 | 60 / 40 % | 32 % | keine | 7,5 g/l | keine Angabe |
| 2014 | 60 / 40 % | 32 % | keine | 7 g/l | keine Angabe |
| 2015 | 60 / 40 % | 25 % | keine | 7 g/l | 7. bis 20. September |
| 2016 | 58 / 42 % | 31 % | keine | 7 g/l | 15. September bis 1. Oktober |
| 2018 | 57 / 43 % | 28 % | keine | 7 g/l | 27. August bis 8. September |
Quelle: technische Datenblätter von Louis Roederer zu 2008, 2009, 2012, 2014, 2015, 2016 und 2018.
Drei Dinge fallen auf.
Die Dosage ist gesunken. 2008 und 2009 bekam Cristal 8 Gramm Zucker pro Liter, 2012 waren es 7,5, seit 2014 durchgehend 7. Das liegt weit unter der Brut-Grenze von 12 Gramm. Auf ein Glas mit 12,5 Zentiliter gerechnet sind das knapp 0,9 Gramm Zucker. Spürbar süß ist das nicht, es rundet die Säure ab.
Säureabbau findet praktisch nicht statt. Bei vielen Champagnern wandelt die malolaktische Gärung die herbe Apfelsäure in mildere Milchsäure um. Roederer unterbindet sie für Cristal, beim 2018er ausdrücklich, um die Frische der Frucht zu halten. Nur der 2008er hat zu einem Fünftel abgebaut, ein Jahrgang mit ungewöhnlich kühlem, trockenem Sommer.
Das Holz wird dosiert. Zwischen 16 Prozent (2009) und 32 Prozent (2012 und 2014) des Weins werden im Eichenholz vinifiziert. Für 2014 nennt das Haus einen teilweisen Ausbau in großen Holzfässern, sogenannten Foudres.
Wie verschieden die Jahre ausfallen, zeigt der Lesekalender. Der 2016er wurde bis 1. Oktober gelesen, der 2018er war am 8. September schon im Keller, nach einem Sommer, der laut Datenblatt sogar die Rekorde von 2003 brach. Trotzdem ist der Chardonnay-Anteil 2018 mit 43 Prozent so hoch wie in keinem anderen Jahrgang der Tabelle.
Für den Jahrgang 2013 weist Roederer 32 Prozent Holz, keinen Säureabbau und 8 Gramm Dosage aus. Gelesen wurde in jenem späten Jahr erst im Oktober (Datenblatt 2013).
Welche Jahrgänge es gibt
Die Jahrgangsübersicht des Hauses führt seit der Jahrtausendwende diese Cristal-Jahrgänge: 2000, 2002, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016 und 2018. Die Jahre 2001, 2003, 2010, 2011 und 2017 tauchen dort nicht auf.
Kellermeister Jean-Baptiste Lécaillon, seit 1999 für Keller und Weinberge zuständig, beschreibt 2016 als nahezu ideales Gleichgewicht, halb Sonne, halb Kreideboden. Den 2015er nennt er trotz des heißen Jahres eher vom Boden als von der Sonne geprägt und traut ihm eine lange Lagerung zu.
Sechs Jahre im Keller statt drei
Das Appellationsrecht verlangt für Jahrgangschampagner mindestens drei Jahre Reife im Keller, gerechnet ab der Flaschenfüllung (Comité Champagne, FAQ). Laut Comité bleiben Jahrgangschampagner in der Praxis vier bis zehn Jahre liegen (Comité Champagne, Die Reifung).
Cristal reift sechs Jahre und ruht nach dem Degorgieren noch einmal acht Monate, bevor er ausgeliefert wird. Für 2018 nennt das Datenblatt sechs bis sieben Jahre auf der Hefe und sechs bis zwölf Monate nach dem Degorgieren. Damit liegt Cristal beim Doppelten der gesetzlichen Mindestzeit. Der 2008er kam sogar erst nach zehn Jahren auf den Markt, nach Angabe des Hauses ein Novum für Cristal.
Cristal Rosé: Pinot Noir in Chardonnay-Saft
Rosé-Champagner entsteht entweder durch Maischestandzeit schwarzer Trauben oder durch Zugabe von Rotwein aus der Champagne, laut Comité Champagne in der Größenordnung von 5 bis 20 Prozent. Cristal Rosé geht den ersten Weg, aber auf eine eigene Art. Roederer nennt sie „Infusion“: Ein Teil des Chardonnay-Mosts wird über eine Maische aus Pinot-Noir-Trauben gegossen, beides gärt gemeinsam. So beschreibt es das Datenblatt zum Cristal Rosé 2013.
Die Trauben stammen je zur Hälfte aus „la Rivière“ und „la Côte“, die Hauptcrus sind Aÿ, Avize und Le Mesnil-sur-Oger. Die Montagne de Reims kommt in beiden Datenblättern nicht vor. Für den Cristal Rosé 2014 nennt Roederer 55 Prozent Pinot Noir, 45 Prozent Chardonnay, 19 Prozent Holz und 8 Gramm Dosage, gelesen vom 11. bis 21. September (Datenblatt Cristal Rosé 2014).
Für die Rosé-Lagen hat das Haus 1998 in Aÿ eine höher gelegene, später reifende Parzelle namens La Villers nach mehrjähriger Brache neu bepflanzt, mit jungen Reben aus Massenselektion. Damit begann laut Roederer eine laufende Neuordnung der Parzellen für Cristal Rosé.
Cristal im Glas
Das Comité Champagne empfiehlt 8 bis 10 °C und ein hohes, bauchiges Glas mit verjüngter Öffnung statt der schmalen Flöte. Für einen Wein mit sechs Jahren Hefelager und Röstnoten von Haselnuss und Mandel, wie sie die Datenblätter beschreiben, ist das mehr als eine Formalie: In der Flöte gehen diese Aromen unter.
Lécaillon selbst nennt Cristal einen Wein zum puren Genuss und zugleich einen Essensbegleiter. Die Verkostungsnotizen zu 2015, 2016 und 2018 betonen einen salzigen, jodigen Abgang, beim 2018er ausdrücklich mit dem Bild von Austernschalen. Zum Dessert passt Cristal mit 7 Gramm Zucker dagegen schlecht: Für süße Speisen empfiehlt das Comité höher dosierte Champagner, also Sec oder Demi-Sec.
Cristal gehört zu den bekanntesten Prestige-Cuvées der Champagne, also den Spitzenweinen, mit denen die großen Handelshäuser ihren Stil zeigen.